Leseprobe Kapitel 1

Kurz vor dem Aufbruch

Eine Reise beginnt nicht immer mit einem Flug. Manchmal beginnt sie mit einem Bild, das sich im Kopf festsetzt und nicht wieder verschwindet.

Ich sitze an meinem Schreibtisch. Vor mir liegt ein Flugticket nach Nairobi. Ich starre darauf, als könnte es mir eine Antwort geben, die ich selbst nicht formulieren kann. Seit meiner Kindheit faszinieren mich Bilder von Menschen, die anders leben als ich: Frauen, die lachen, obwohl der Alltag schwer ist. Männer, die mit ihren Händen etwas schaffen, obwohl die Umstände gegen sie sprechen. Kinder, die aus Dingen Spielzeuge basteln, die andere wegwerfen.

Erste Begegnungen mit Kenia
Erste Begegnungen mit Kenia

Andere sehen in diesen Bildern etwas anderes: „Afrika? Da ist es heiß.“ „Arm.“ „Wüste.“ „Safariparks und bunt gekleidete tanzende Menschen.“ „Gefährlich.“ „Ein Kontinent voller Probleme.“ „Du willst als Frau allein dorthin?“

Ich höre solche Sätze oft. Jedes Mal spüre ich, wie wenig sie mit der ganzen Wahrheit zu tun haben. Sie zeigen nur einen Ausschnitt – einen winzigen Ausschnitt.

Afrika ist groß. Kenia ist divers. Und Nairobi liegt auf fast 2.000 Metern Höhe. Es kann dort morgens so kalt sein, dass man eine warme Jacke und Mütze braucht.

Aber das weiß ich erst später. Jetzt weiß ich nur eines: Ich will endlich sehen, was sich hinter den Bildern verbirgt.

Ich habe beruflich die Chance, eine Zusammenarbeit mit lokalen sozialen Unternehmen aufzubauen – ein Projekt, das auf dem Papier klar beschrieben ist. Doch während ich auf das Ticket starre, spüre ich etwas, das sich nicht in Projektzielen oder Berichten ausdrücken lässt.

Es ist kein beruflicher Auftrag. Es ist ein Ruf.

„Warum machst du das eigentlich?“, fragt ein Kollege. Ich schweige. Wie soll ich etwas erklären, das sich weniger wie eine Entscheidung anfühlt als wie ein längst begonnener Weg?

Am Abend vor der Abreise liegt der Koffer offen auf dem Boden. Ich packe Dinge ein, nehme sie wieder heraus, packe sie erneut ein. Ich bin nicht nervös. Ich bin wach. Wach für etwas, das ich nicht benennen kann.

Es ist diese Frage, die mich begleitet: Was, wenn die Bilder, die mich mein Leben lang faszinieren, nicht die ganze Wahrheit zeigen? Was, wenn ich etwas sehe, das mich herausfordert? Was, wenn ich etwas finde, das mich verändert?

Im Flugzeug sitze ich am Fenster. Die Maschine hebt ab, die Stadt wird kleiner, die Wolken kommen näher. Ich denke an all die vielen Berichte, die ich gelesen habe. Zahlen, Tabellen, Fortschrittsdiagramme nach europäischem Standard. Alles sauber. Alles korrekt. Alles „erfolgreich“.

Und doch spüre ich etwas, das ich nicht loswerde: Ich will nicht nur sehen, was in unseren Augen und nach unseren Werten funktioniert. Ich will verstehen, was fehlt.

…

Kurz vor der Landung sagt der Pilot: „Prepare for landing.“ Und plötzlich steht die Zeit einen Atemzug lang still.

Ich sehe die ersten Häuser, die ersten Straßen, die ersten Farben. Ich höre das Rumpeln der Räder, die sich ausfahren. Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt.

Und dann ist er plötzlich wieder da: der Satz, den mir der Leiter einer sozialen Organisation bei einem Telefonat gesagt hatte – ein Satz, der mich trifft wie ein Stromstoß:

„Du wirst nicht das finden, was du erwartest. Du wirst das finden, was du nicht gesucht hast.“

Das Flugzeug setzt auf. Ein Ruck. Ein Atemzug. Ein neuer Anfang.